Jiu-Jitsu

Die Bedeutung des japanischen Wortes Jiu-Jitsu setzt sich zusammen aus den Silben:

Jiu

sanft, nachgiebig, bereitwillig

Jitsu

Kunst, Kampfkunst, Kriegstechnik

Geschichtliche Entwicklung

Dieses traditionsreiche japanische Selbstverteidigungs-System entstand aus Verteidigungspraktiken, die die üblichen Kampftechniken der Samurai ergänzten. Hatte ein Krieger keine Waffe zur Verfügung, bedingte er sich schon in alter Zeit waffenloser Techniken.
Im feudalen Japan gab es Vorläufer solcher Verteidigungskünste, wie z. B. "Yawara", "Daito-ryu", "Katoriryu" oder "Takeno-uchi-ryu". Der Name Jiu-Jitsu wird seit der Tokugawa Ära in der Literatur erwähnt.

Der japanische Arzt Akiyama Shirobei Yoshitoki erlernte in China die Kunst des waffenlosen Zweikampfes und stellte fest, dass man zur wirkungsvollen Ausführung der Technik erhebliche Körperkräfte benötigte. Nach Japan zurückgekehr, beobachtete er an einem Wintertag bei starkem Schneefall einen Kirschbaum und eine Weide. Während die starren Äste des Kirschbaumes brachen, bog die Weide ihre Äste geschmeidig unter der Last und blieb unbeschädigt. Durch diese Beobachtung kam Yoshitoki auf die Idee ein Kampfsystem zu entwickeln, bei dem der Schwächere durch nachgeben siegen können. Sein System nannte er "Yoshin-ryu" (Weidenherz-Schule). Die Grundlage seiner Lehre war das Prinzip: "Nachgeben, um zu siegen".

Die japanische Selbstverteidigung wurde im 20. Jahrhundert weltweit unter dem Namen "Jiu-Jitsu" bekannt. Jiu-Jitsu beinhaltet die Abwehr eines Angriffs unter Ausnutzung von Hebelgesetzen und anatomischen Kenntnissen der Schwachstellen des menschlichen Körpers.


Verbreitung des Jiu Jitsu in Deutschland

Der wichtigste Lehrer, der ins Ausland ging, war Katsukuma Higashi. Erich Rahn, der "Meister der 1000 Jiu-Jitsu Griffe" war Begründer des Jiu-Jitsu in Deutschland. Er lernte hauptsächlich von K. Higashi. Er eröffnete 1906 in Berlin die erste Jiu-Jitsu-Schule Deutschlands, die noch heute existiert!

Auf Initiative von Erich Ran gründeten seine Schüler Alfred Rhode und Max Hoppe 1922 die ersten Verein in Frankfurt/Main und Berlin. Die erste Deutsche Einzelmeisterschaft im Jiu-Jitsu wurde 1926 in Köln durchgeführt. 1930 gab es bereits mehr als 100 Jiu-Jitsu-Übungsstätten in Deutschland!

Jiu-Jitsu ist heute ein wettkampffreies körper- und Geistestraining, das der Schulung für den Ernstfall dient. Man übt Griffe und Techniken zur Selbstverteidigung wie Würfe, Hebel und Transportgriffe. Außerdem werden "Atemi" - Schlagtechniken gegen vitale Punkte (z.B. Handkantenschläge) gelernt. Das moderne Jiu-Jitsu vermittelt neben dem Selbstverteidigungsaspekt, Geduld und Einfühlungsvermögen beim Umgang mit dem Partner sowie das erforderliche Selbstbewusstsein für den Ernstfall. Man kann Jiu-Jitsu bis ins hohe Alter ausüben.


Jiu-Jitsu als Basis weiterer Kampfkünste

Aus dem Jiu-Jitsu entwickelten sich im Laufe der Zeit weitere Kampfkünste, durch besondere Betonung auf einzelne Aspekte des Gesamtsystems Jiu-Jitsu, oder durch Mischung mit anderen Kampfkünsten:

  • Judo ist ein wurflastiger Stil des Jiu-Jitsu, der Anfang des 20. Jh. entstand. Jigoro Kano entwickelte Judo als attraktive Kampfkunst für die moderne japanische Gesellschaft sowie als Nahkampfsystem für die Tokioter Polizei. Dabei handelt es sich um ein Extrakt aus dem Jiu-Jitsu, welches sich vornehmlich aus Wurf-, Würge-, Hebel- und Haltetechniken zusammensetzt. In Europa herrscht das Wettkampfjudo vor; im traditionellen Judo von Kano hingegen gibt es weiterhin Schlag-, Stoß-, und Tritttechniken, außerdem wird Wert auf eine Ausbildung im Kuatsu (Kunst der Wiederbelebung) gelegt.
  • Beim Aikido stehen ausladende, runde Bewegungen und Hebeltechniken im Vordergrund. Morihei Ueshiba entwickelte es aus dem Daito Ryu Aiki Ju Jutsu, das ihm von einem Mitglied des Hauses Takeda vermittelt wurde. Aikido betont das Aufnehmen und Umkehren des Angriffs sehr stark.
  • Einige Karatedo Ryu (jap. Stile) sind aus Einflüssen des Jiu-Jitsu und Kung Fu entstanden und werden technisch durch Schlag-, Stoß-, Tritt- und Blocktechniken sowie Fußfeger charakterisiert.
  • Ju-Jutsu ist ein junges, aus traditionellem Jiu-Jitsu und vielen anderen Einflüssen zusammengesetztes System, das in Deutschland entwickelt wurde. Zur Abgrenzung vom Jiu-Jitsu wird eine andere Transkription für dieselben Kanji (Schriftzeichen) benutzt.
  • In Brasilien ist das Brasilianische Jiu-Jitsu sehr verbreitet, das eine Version des Jiu-Jitsu mit Fokus auf den Bodenkampf darstellt.

Im Dojo beim Jiu-Jitsu herrscht eine hierarchische Gliederung: die Lehrer (Sensei) und die Schüler. Die Graduierung bzw. das Können im Jiu-Jitsu wird durch die Farbe des Gürtels (jap. Obi) deutlich.
Jigoro Kano, Gründer des Kodokan Judo, hat dieses System im 19. Jh. erstmalig verwendet. Vorher gab es kein Graduierungssystem nach Gürtelfarben in den Kampfkünsten aus Japan und Okinawa.

Kyu / Schülergrade (Mudansha)

Die Schülergrade werden als Kyu bezeichnet. Die Schülergrade sind farblich verschieden und werden mit wachsender Erfahrung und Können immer dunkler.

Kyu-Grad Farbe Vorbereitungs-/ Wartezeit
6. Kyu 6.Kyu - weißer Gürtel weißer Gürtel 1/2 Jahr
5. Kyu 5.Kyu - gelber Gürtel gelber Gürtel 1/2 Jahr
4. Kyu 4.Kyu - orangener Gürtel orangener Gürtel 1/2 Jahr
3. Kyu 3.Kyu - grüner Gürtel grüner Gürtel 1/2 Jahr
2. Kyu 2.Kyu - blauer Gürtel blauer Gürtel 1/2 Jahr
1. Kyu 1.Kyu - brauner Gürtel brauner Gürtel 1 Jahr

Dan / Meistergrade (Yudansha)

Meistergrade bezeichnet man als Dan. Der 1. - 5. Dan sind Schwarzgurte und können durch Prüfung erworben werden. Bei diesen Dan-Graden können an einem Gürtelende farbliche Streifen, zur Unterscheidung der Dan-Grade getragen werden.
Ab dem 6. Dan werden die Gürtel ehrenhalber durch Verdienste und Engagement verliehen und können nicht mehr durch Prüfung erworben werden.

Dan-Grad Farbe Vorbereitungs-/ Wartezeit
1. Dan 1.Dan - schwarzer Gürtel schwarzer Gürtel 1 Jahr
2. Dan 2.Dan - schwarzer Gürtel schwarzer Gürtel 2 Jahr
3. Dan 3.Dan - schwarzer Gürtel schwarzer Gürtel 3 Jahr
4. Dan 4.Dan - schwarzer Gürtel schwarzer Gürtel 4 Jahr
5. Dan 5.Dan - schwarzer Gürtel schwarzer Gürtel 5 Jahr
6. Dan 6.Dan - rot-weißer Gürtel rot-weißer Gürtel 6 Jahr
7. Dan 7.Dan - rot-weißer Gürtel rot-weißer Gürtel 6 Jahr
8. Dan 8.Dan - rot-weißer Gürtel rot-weißer Gürtel 6 Jahr
9. Dan 9.Dan - roter Gürtel roter Gürtel 6 Jahr
10. Dan 10.Dan - roter Gürtel roter Gürtel 6 Jahr

Für Jiu Jitsuka gelten - genau wie für andere Budoka auch - strenge Höflichkeitsregeln (jap. Reishiki) und Regeln für Übung der Kampfkünste (jap. Dojokun)

Der Beginn und das Ende jedes Jiu-Jitsu-Trainings werden mit einer gemeinsamen Grußzeremonie und kurzer Meditation (jap. Mokuso) begangen. Schüler und Meister verneigen sich dabei in Respekt vor einander, lösen sich während der Meditation gedanklich von der Alltagsroutine und bereiten sich auf das Training vor.

Begrüßungszeremonie
  • Sobald der Meister den Trainingsbeginn bzw. das Ende des Trainings zu erkennen gibt, erfolgt die Aufstellung:
    • Dabei stellen sich Meister und Schüler in zwei Reihen gegenüber mit Blicken zueinander auf. Füße sind Schulterbreit auseinander, die Handflächen liegen auf der Oberschenkelaußenseite und die Füße aller bilden eine Linie.
    • Die Schüler bilden eine nach aufsteigenden Gürtelgraden geordnete Reihe, so dass der höchste Gurt dem am höchsten graduierten Lehrer gegenüber steht.
  • Erst wenn sich der Meister zur Begrüßung hinkniet bzw. das Kommando gibt, folgen ihm die anderen Lehrer und Schüler in Seiza. Beim Abknien gilt eine genau vorgeschriebene Vorgehensweise:
    • Aus dem Stand wird das linke Knie gebeugt und der linke Fuß nach hinten gesetzt. Dann berührt das linke Knie den Boden und es folgt das gleiche für das rechte Bein. Die Knie sind nun auf der ehemaligen Linie der Füße abgesetzt und der Abstand zwischen den Knien sind etwa zwei Faustbreiten. Die Fußballen sind aufgesetzt und das Gesäß berührt die Hacken.
    • Die Hände gleiten zu den Oberschenkeln und die aufgestellten Füße werden hinabgestellt, sodass der Fußspann den Boden berührt und das Gesäß wieder die Unterschenkel berührt.
    • Der Rücken ist gerade, der Blick nach vorne in die Unendlichkeit gerichtet und die Aufmerksamkeit haftet noch immer am Sensei. Richtig ausgeführt, kann man so Stunden verharren.
  • Der höchste Schüler (jap. Sempai) führt fort, wenn alle Sitzen und er das Einverständnis des Meister bekommen hat und sagt "Mokusso!" (jap. "Meditation!"). Daraufhin schließen alle die Augen und die Meditation beginnt. Während der Meditation atmet man kontrolliert, streift alltägliche Sorgen und Probleme ab und stellt sich mental auf das Training ein.
  • Hält der Sempai die Zeit der Meditation für angemessen, setzt er die Begrüßung fort. Es gibt keine verbindliche Zeitangabe für die Dauer der Begrüßungsmeditation. Der höchste Schüler spürt, wann er und die anderen bereit sind, das Training zu beginnen. Er beendet die Meditation mit dem Kommando: "Mokusso jamé!" (jap. "Meditation Ende!"), woraufhin alle die Augen wieder öffnen.
  • Direkt folgt, vom Sempai, das Begrüßungskommando: "Sensej-ni rei!" (jap. "Verbeugung zum Meister!") und alle Schüler verneigen sich im Kniestand (jap. Zarei) zu den Lehrern:
    • Die Handinnenfläche der linken Hand gleitet nach vorne und wird ca. eine Elle vor den Knien auf Matte abgesetzt. Dann folgt die rechte Hand, die daneben abgesetzt wird, sodass sich Daumen und Zeigefinger berühren und ein Dreieck bilden.
    • Liegen die Handflächen, dann wird der Oberkörper so weit nach vorne gebeugt, dass die Unterarme ganz auf der Matte abgelegt sind, das Gesäß grade noch auf den Fersen haften bleibt und der Kopf ca. eine Faustbreite über den Händen ist. (Die Stirn berührt die Finger nicht, da die Verbeugung keine Unterwerfung des Schülers vor dem Meister ist. Mit dem Blick zur Matte könnte aus den Augenwinkeln dennoch ein Angreifer von vorne gesehen werden.)
    • Der Budoka verharrt in dieser Position für ungefähr zwei Sekunden, und in jedem Fall länger als der Meister.
    • Anschließend wird der Oberkörper aufgerichtet und in umgekehrter Reihenfolge der Hände setzt sich der Jiuka wieder in Seiza.
  • Nun gibt der Meister das Begrüßungskommando: "Otagai-ni rei!" (jap. "Gegenseitige Verbeugung") und es folgt - dieses Mal von Lehrern und Schülern zusammen - die Verbeugung im Kniestand (Zarei) zueinander.
  • Dann steht der Meister als erstes auf, gefolgt von den anderen Lehrern und anschließend der Sempai, gefolgt von den Kohai (Schüler niederen Ranges als der Sempai). Das Aufstehen erfolgt in umgekehrter Abfolge zum Abknien.
  • Im Stehen kommt vom Meister das Kommando "Rei!" gefolgt von der Verbeugung im Stand (jap. Ritsurei):
    • Der Oberkörper wird dabei in einem Winkel von ungefähr dreißig bis fünfundvierzig Grad nach vorne gebeugt. Dabei wird der linke Fuß zum Rechten gezogen und die Hände bleiben bei Männern auf der Hosennaht - bei Frauen hingegen rutschen sie auf die Oberschenkelvorderseite.
    • In der Neigung verbleibt der Budoka ca. zwei Sekunden und in jedem Fall länger als der Meister.
    • Das Aufrichten geht in umgekehrter Reihenfolge von statten.
  • Nach dieser Verbeugung ist die traditionelle Begrüßung abgeschlossen und der Meister setzt mit dem Training fort.